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07.06.2019

Gute Besserung - Dank Telemedizin?!

Dass die Telemedizin Behandlungen besser, effizienter und patientenfreundlicher machen kann: Darin waren sich alle Diskutanten einig.

Deuschle moderiert Dialogforum der CDU-Landtagsfraktion zur Fernbehandlung

Schnell mal den Arzt anrufen, wenn es irgendwo juckt, kratzt oder drückt, bequem per Skype die gesundheitlichen Beschwerden abklären und sich weite Wege ins Wartezimmer sparen: So stellen sich die einen Telemedizin vor. Andere fürchten dagegen eine „Call-Center-Medizin“, bei der der Patient zu kurz kommt. Auf Initiative von Andreas Deuschle diskutierten nun am Dienstag Experten und Bürger die Chancen und Herausforderungen der Telemedizin beim Dialogforum der CDU-Landtagsfraktion.

Wie sehr die Digitalisierung des Gesundheitswesens den Menschen auf den Nägeln brennt, kann man am Dienstagabend im voll besetzten Saal im Bürger- und Medienzentrum des Stuttgarter Landtags sehen. Kurz vor Beginn des Dialogforums der CDU-Landtagsfraktion zum Thema Telemedizin müssen sogar noch weitere Stühle hereingetragen werden. Denn auch wenn mehr als zwei Drittel der Bürger laut Umfragen davon ausgehen, dass sie bald auch online medizinisch versorgt werden, ist der Arzt, der digital kommt, für einige immer noch schwer vorstellbar. Gute Besserung – Dank Telemedizin!? Ist das nicht doch nur ein frommer Wunsch?

Zukunft der Telemedizin hat in Baden-Württemberg begonnen

Für Dr. Martina Hartmann ist der Wunsch schon in Erfüllung gegangen. „Meine Erfahrungen sind wirklich gut“, berichtet die Mannheimer Allgemeinmedizinerin, die als eine von 40 Ärzten bei DocDirekt mitmacht, dem bundesweit ersten Modellprojekt zur telemedizinischen Fernbehandlung für Kassenpatienten. „Da meldet sich die Mutter, wenn das Kind Temperatur hat, genauso wie das über 70-jährige Ehepaar, das froh ist, nicht weite Wege auf sich nehmen zu müssen.“ Rund zwei von drei Anrufern könnten dabei abschließend beraten werden, ohne dass sie eine Praxis aufsuchen müssten. Bereits 5.000 Nutzer machen bislang bei DocDirekt mit.

Ähnlich begeistert zeigt sich beim Dialogforum der Sozialdezernent des Landkreises Tuttlingen, Bernd Mager. Neben Stuttgart hatte der Landkreis als erste Modellregion vor gut einem Jahr mit dem Projekt DocDirekt gestartet, welches inzwischen in ganz Baden-Württemberg angeboten wird. „Zehn Gemeinden bei uns haben weniger als tausend Einwohner, mehr als die Hälfte der Ärzte ist über 60: Da war es ein großer Reiz bei DocDirekt mitzumachen“, erzählt Mager. Für das ländliche geprägte Tuttlingen mit schon heute unbesetzten Arztstellen ist die Telemedizin also ein Beitrag, um eine gute Gesundheitsversorgung auch in der Fläche sicherzustellen. Inzwischen sei man im Landkreis „total überzeugt“ von der telemedizinischen Fernbehandlung, die angestoßene Entwicklung hält Mager für „unumkehrbar“.

Politik treibt Vernetzung im Gesundheitswesen voran

Dass diese Entwicklung jedoch kein Selbstläufer ist, darauf weist Dr. Armin Pscherer hin, der die Koordinierungsstelle Telemedizin Baden-Württemberg (KTBW) leitet. So lande Deutschland bei einem Ranking von 17 untersuchten europäischen Ländern gerade mal auf dem vorletzten Platz, was die Nutzung digitaler Technologien angeht. „Die Gesundheitsbranche ist nicht vergleichbar mit anderen Branchen“, lautet Pscherers Erklärung dafür. Viel zu reglementiert, fragmentiert und komplex sei das deutsche Gesundheitswesen für einen schnellen Durchbruch; es fehle einfach der unmittelbare Kunde für das Produkt. Vor allem aber fehle bei unserer insgesamt nach wie vor hochwertigen Gesundheitsversorgung der Druck, etwas zu ändern: „Die Schmerzen sind noch nicht groß genug, der Dachstuhl brennt noch nicht.“

Immerhin reagiere die Politik – so Pscherer – mit „Leitplanken“, wie etwa mit der Einführung der elektronischen Patientenakte, dem zentralen Element für eine vernetzte Gesundheitsversorgung und Telematikinfrastruktur. Ohne diese kommt es zur „Schnittstellenproblematik“, die ein Apotheker aus dem Publikum anhand eigener Erfahrungen in der Familie beschreibt: „Als der Patient auf eine andere Station verlegt wurde, standen die Daten nicht mehr zur Verfügung, weil die Systeme nicht mehr kompatibel waren.“ Ein Problem, das nach dem Willen von Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) nun schnell gelöst werden soll, bis 2021 soll jeder gesetzlich Versicherte seine Patientendaten generell per Handy und Tablet einsehen können.

Die richtige Balance zwischen medizinischem Fortschritt und Datenschutz

Natürlich zählt auch die von baden-württembergischen Ärzten angestoßene Lockerung des Fernbehandlungsverbots und damit das von der grün-schwarzen Landesregierung geförderte Telemedizin-Projekt DocDirekt zu den „Leitplanken“, um die Telemedizin voranzutreiben. Insgesamt investiert das Land mehr als 20 Mio. Euro in zukunftsträchtige Projekte im Gesundheitswesen, mit weiteren 10 Mio. Euro unterstützt es die Digitalisierung in den Krankenhäusern. Der sozialpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Stefan Teufel, appelliert unabhängig davon für noch mehr Ehrgeiz, etwa mit Blick auf digital ausgestellte Rezepte oder Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen: „Wir wollen, dass auch mal ausprobiert wird.“

Das Problem: „Der Deutsche will perfekter sein als perfekt, bis er was ausprobiert“, wie Pscherer sagt. Neben dem fehlenden Handlungsdruck verhinderten bislang also Ängste „eine effektive Nutzung digitaler Gesundheitstechnologien“.  Die Ängste bezögen sich dabei vor allem auf den Datenschutz. Pscherer: „Und das, obwohl die Datensicherheit bei der Nutzung von Google oder Facebook wesentlich kritischer ist als bei öffentlich evaluierten Systemen.“ Telemedizinerin Hartmann erlebt bei vielen Patienten allerdings auch ein großes Befremden gegenüber den vielen datenschutzrechtlichen Erfordernissen:  „Das ist oftmals ein Prozedere, das sie nicht verstehen und auch nicht wollen.“

Fernbehandlung soll langfristig Notaufnahmen entlasten

Manches können auch Zuhörer im Publikum noch nicht verstehen.  Sei es, dass die telemedizinische Sprechstunde bislang nur an Wochentagen von 9 bis 19 Uhr stattfindet und Notärzte damit kaum entlastet. Oder dass eine zusätzlich zu den Praxisterminen stattfindende Online-Behandlung für Ärzte bei gleichbleibender Aufgabenfülle nicht machbar sei. Doch noch – betonen die Experten – handele es sich bei DocDirekt um ein Modellprojekt. Die zeitliche Ausweitung solle ebenso kommen wie die Entlastung der Ärzte, etwa durch Medizinische Fachangestellte, die das Ausfüllen von Medikationsplänen übernehmen.

Für die Medizinisch-Technischen Assistenten (MTAs), die bei DocDirekt Anrufe und Chat-Anfragen entgegennehmen, bricht denn auch eine Patientin aus dem Publikum eine Lanze: „Ich möchte die Ängste mal runterkochen, dass die MTAs was falsch machen.“ Sie selbst sei nicht etwa am Telefon provisorisch abgefertigt, sondern umgehend zu einem Arzt geschickt worden. Kurz: Wenn nötig, zählt immer noch der gewohnte Praxisbesuch.

Leichterer Kontakt zum Arzt dank Online-Chat

So betont auch Steffen Witte von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, auf die DocDirekt zurückgeht: „Die telemedizinische Fernbehandlung soll den Arzt nicht ersetzen.“ Sie solle vielmehr unnötige Wegstrecken zum und Wartezeiten beim Arzt vermeiden helfen, unterversorgte Regionen sowie Notaufnahmen entlasten. „Wenn jemand akute Beschwerden hat, dass er vielleicht erstmal den telemedizinischen Kontakt sucht.“ Jeder Zweite suche dabei den besonders niedrigschwelligen Erstkontakt über Online-Chat. Der Weg zum Arzt mag so manchem leichter fallen.

Dr. Martina Hartmann, die Telemedizinerin der ersten Stunde, wirbt jedenfalls sehr dafür, der Fernbehandlung eine Chance zu geben. Und das nicht zuletzt aufgrund ihrer immerhin über 20 Jahre zurückliegenden Erfahrung in der Teleradiologie. Hartmann: „Das wäre doch schön, wenn wir das in das gesamte Gesundheitswesen implementieren können.“

Infos zur Funktionsweise von DocDirekt gibt's hier zum Nachlesen!

 
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